Freitag, 18. Februar 2011

Sleestack'z - Behind The Iron Curtain


Release Date:
17. September 1996

Label:
Ichiban Records

Tracklist:
01. Intro
02. All You Want
03. Crystal Clear (Morning Blunt Mix)
04. X-Files
05. Bulletproof Shoutouts
06. Ruination
07. Murderlize
08. Raw Raps
09. Live Hardknox
10. Word To The Wise
11. Wealth & Real Estate
12. Troublez & Trialz
13. Satisfaction
14. Kings Of Kaos
15. Play The Victim
16. Aqua
17. Crystal Clear (Rusty Water Mix)
18. Behind The Iron Curtain

Review:
Eine von vielen vergessenen Geschichten aus den Neunzigern ist die von Sleestack'z. In seiner Heimatstadt Atlanta trifft Nic Da Nobody den gebürtigen New Yorker Oxx in einer Buslinie. Man kommt über die Musik in Oxx' Player ins Gespräch und stellt fest, dass man in derselben Nachbarschaft wohnt. Noch am gleichen Tag macht Nic die Bekanntschaft von Dwella und die drei quartieren sich in Nic's hausinternem Studio ein. Kurze Zeit später kommt noch J-Nailz hinzu und die Gruppe ist komplett. Nach einiger Diskussion einigt man sich auf den Namen Sleestack'z ("underground like the Slee in Land Of The Lost"), beginnt, einige Remixe mit Spearhead X aufzunehmen und landet kurze Zeit später auf Ichiban, die dann schließlich auch das Debüt "Behind The Iron Curtain" veröffentlichen.

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Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Gruppengeschichte noch nicht wirklich interessant - derartige Gruppen gab es bekanntermaßen mehr als Sand am Meer. Was die Sleestack'z auszeichnet sind die Instrumentals, die man für die LP gewählt hat. Für diesen Aspekt treten noch zwei weitere Herren ins Rampenlicht, nämlich Kay, dieser Tage als CEO bei Latchkey Recordings aktiv, und Marty alias Naga (der inzwischen eine Brauerei in Spanien betreibt). Zur damaligen Zeit allerdings sind die beiden als Straight Roots unterwegs und können mit einigen Ambiente-Instrumental-CDs auf lokalen Radiosendern auf sich aufmerksam machen. Nachdem Slee sie anfangs nur sampeln wollten, kommt man kurzerhand in Kontakt und beschließt, das komplette Album mit neuen Sounds zu beschallen. Die profitorientierten Verantwortlichen bei Ichiban sind nicht sehr erfreut, denn die Musik, die es auf "Behind The Iron Curtain" schließlich zu hören gibt, ist für ein Nischendasein geradezu prädestiniert. Meist höchstgradig reduzierte Klanglandschaften werden auf Drumlines platziert, die wiederum meist ein dumpf pochendes Hintergrunddasein führen um den wummernden Bässen mehr Platz einzuräumen. Damit klingen diese Songs zwar mehr nach New York als nach Atlanta, sind aber weit vom durchschnittlichen Mittneunziger-NY-Release entfernt. Doch das wird nicht sofort preisgegeben: Zuerst freut sich die Truppe im "Intro" über den eingesackten Label-Deal, während "All You Want" lediglich aus Haut und Knochen - Drum und Bass - zu bestehen scheint und dabei furztrocken aus den Speakern staubt, um dem Hörer einen ersten Eindruck davon zu geben, dass die vier Emcees etwas von ihrem Handwerk verstehen. Es sind die üblichen Street-Rhymes, die aber gut verkauft werden. Vor allem der noch recht jung klingende Nic Da Nobody gibt der Gruppe als Ganzes etwas Besonderes. Das Wesen dieses Longplayers offenbart sich dann im "Morning Blunt Mix" von "Crystal Clear", gleich einem der Gourmet-Tracks: Langsam, ruhig und beinahe meditativ relaxed zieht die Sound-Kulisse der Straight Roots ins Land und bekommt dabei sogar einen leicht mystischen Hauch mit auf den Weg. Darüber rappt das Quartett seine nicht außergewöhnlichen ("And all you silly bitches, I let you know I do without you / I go home, smoke a blunt, jack my dick and think about you, is it clear?"), aber doch sehr passenden Rhymes ("Evaluations are bein' made, while niggas is being played / The street corners are bein' sprayed by Tec-9s and grenades"). Von diesem Schlag bietet die Scheibe noch einige weitere Edelschnitten: "Ruination" ist als gesellschaftskritisches Stück der stille Höhepunkt der Scheibe, dessen Drumline K und Naga lediglich mit einem Windhauch überzuckern. Nicht viel anders geht es in "Wealth & Real Estate" oder "Kings Of Kaos" zu, wohingegen in "Live Hardknox" (das natürlich den harten Alltag portraitiert) Streicher hinzugezogen und in "Troublez & Trialz" ein Sax eingesetzt werden. Zum Highlight-Gespann zählen außerdem noch die "Bulletproof Shoutouts" mit meisterhafter Arbeit der Straight Roots sowie die wörtlich zu nehmenden "Raw Raps", während man das Album nach "Aqua", das zudem noch Outro-Charakter hat, hätte beenden können. Der "Crystal Clear"-Mix als auch der Titeltrack gehören beide zu den schlechteren Tracks.

Damit kann das Kapital "Sleestack'z" auch schon wieder geschlossen werden. Bei den Aufnahmen zum zweiten Album war Ichiban weniger gnädig und stampfte sämtliche Versuche, an den Sound des Debüts anzuknüpfen, ein, bis die Gruppe schließlich langsam zerfiel. Inwiefern man sich mit einem Zweitling hätte weiterentwickeln können, ist allerdings sowieso fraglich, weswegen es vielleicht nicht verkehrt ist, die Gruppe nur aufgrund dieses sehr gelungenen Albums in Erinnerung zu haben. Das Problem ist vielmehr, dass selbst dieses Album kaum ein Schwein kennt. Dabei ist "Behind The Iron Curtain" hinsichtlich der unglaublich entspannten, geheimnisvoll simpel anmutenden Produktion der Straight Roots ein kleines Unikat, das trotz einiger Mittelmäßigkeiten schwer empfehlenswert ist.

7.0 / 10

Atma - Beyond The Speed Of Mind


Release Date:
28. Januar 2006

Label:
Molemen Recordings

Tracklist:
01. Intro: Fighting At The Speed Of Mind
02. Study The Math
03. Interlude: Universal Enlightenment
04. Inbetween The Eyesockets (Feat. Lord 360)
05. Sages Ontology
06. Interlude: Earthlings Are Mostly Unenlightened And Evil
07. I Am No Earthling
08. Interlude: Cold Dark Universe
09. Infinite Potential
10. Shoulders Of Giants
11. Chop 'Em Up With The Chakra (Feat. JahNigga The Baptist)
12. Interlude: Atma The Living Force
13. Who Feels It Knows It
14. Interlude: Om Namo Bhagavate Vasudevya
15. Red Alert On Planet Earth
16. Words From His Holiness
17. Eternal Boundlessness
18. Heavenly Doors
19. Merge With The Supreme

Review:
Atma, das ist Sanskrit und meint das eigene Selbst, den eigenen Geist. Wer sich so nennt, der hat sicherlich nicht vor, die üblichen Rap-Themen abzuhandeln. Dem ist auch nicht so. Thomas Stewart findet 1997 aktiv zum Rap und schlägt außerdem nach einer Nahtoderfahrung einen sehr spirituellen Pfad ein, der ihn bis ins Jahr 2005 als selbstdeklarierten Mönch in intensiver, u.a. tantrischer Lehre vereinnahmt. Anschließend kontaktiert er den Molemen-Producer Panik, mit dem bereits früher recordet wurde, und nimmt sein Debütalbum auf, das 2006 selbst veröffentlichte "Beyond The Speed Of Mind".

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Wer sich schon einmal in diesen Bereich des HipHop-Kosmos verirrt hat, der wird im Zuge der Lost Children Of Babylon eventuell zu hiesigem Hauptdarsteller weitergeleitet worden sein - eine gewisse geistige Verwandtschaft ist schließlich nicht von der Hand zu weisen, was auch erklärt, warum Atma sich dieser Tage zum erweiterten LCOB-Kreis zählt. "Beyond The Speed Of Mind" (eine Erklärung zum Titel sucht und findet man im "Intro") entstannd allerdings fast ohne Gäste und bezieht seine komplette Produktion von Panik, was die Scheibe nicht nur für Fans von esoterischen, abgedrehten Rhymes interessant macht. Diesen Satz kann man nur unterstreichen, denn Panik packt hier alles andere als seine Standardkost aus - die Rhymes von Atma fordern eine entsprechende Untermalung, die roh und düster die beschrittenen metaphysischen Wege zu illustrieren hat. So in etwa war wohl das Konzept. Wie weit man nun mit dem, was hier auf lyrischer Ebene als Wahrheit(en) postuliert wird, übereinstimmt, ist dabei gar nicht wirklich entscheidend. Ähnlich wie bei den LCOB oder den frühen JMT (ähnlich jedoch nur auf abstrahierter inhaltlicher Ebene) geht es um das Gesamtkunstwerk, das dabei herausgekommen ist. Und da umgibt "Beyond The Speed Of Mind" tatsächlich eine ganz eigene Atmosphäre, die natürlich maßgeblich von Atma's nicht von der Hand zu weisenden Skills am Mic geprägt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Wirrwarr-Priestern bricht er seine Rap-Show sehr nüchtern, berechnend und messerscharf vom Zaun, was vor allem in Tracks wie "I Am No Earthling" eine gewisse Endzeitstimmung aufkommen lässt, die aber (glücklicherweise) komplett ohne übersteuert-dramatische Instrumentals auskommt, sondern nebst schmackhafter Drumline geradezu vorsichtig aus der Ferne hallt. Panik macht seinen Job sehr gut und schiebt immer wieder (hier fühlt man sich unweigerlich an die JMT erinnert) Interludes ein, in denen mit diversen Samples und Vortragsausschnitten eine eigene Doktrin zusammengeschustert wird, die in ihrer fernöstlich-esoterisch geprägten Form ihresgleichen sucht. Auffällig ist dabei die Steigerung, die das Album in seinem Verlauf durchlebt: Zwischen dem brachialen "Study The Math" und dem etwas eintönigen "Infinite Potential" sitzt das Album (wenngleich es an "In Between The Eyesockets" rein gar nichts auszusetzen gibt) bzw. Panik noch nicht voll im Sattel, doch spätestens danach gibt der Molemen-Producer Vollgas. Kunstvolle Battle-Raps werden auf "Chop 'Em Up With The Chakra" in Atma's Vokabular eingewoben, später wird über eingängiges Instrumental "Red Alert On Planet Earth" geläutet, Grund sind die zahlreichen geistlich noch nicht entfalteten Seelen, denen von "His Holiness" Radhanath Swami direkt im Anschluss auf die Sprünge geholfen werden soll. Atma selbst schwelgt schon in "Eternal Boundlessness" und erhebt sich mittels seiner Songtitel mit Auslaufen der LP nach oben, um die von Panik herrlich untermalten "Heavenly Doors" zu durchschreiten und seinem Album mit "Merge With The Supreme", eingeleitet von einem Zitat aus der Bhagavad Gita, ein durchwegs stattliches Ende zu setzen.

Atma ist ein eher außergewöhnlicher Charakter, der sich nicht unbedingt mit den anderen HipHop-Schamanen und unempirisch-kosmologischen Exzentrikern in eine Schublade stecken lässt. Weniger als viele solcher Künstler wühlt er sich durch Weltverschwörungen, sondern zeichnet stattdessen ein Bild seiner Glaubensüberzeugungen und weltlichen Ansichten. Dass der nüchtern denkende Hörer dabei trotzdem auf viel stoßen wird, mit dem nicht viel anzufangen ist, wird nicht zu vermeiden sein, es lässt sich jedoch leicht beiseite schieben, um den weitaus wichtigeren Rest der LP zu genießen. Der besteht aus Panik's erstklassiger Poduktion und den hörenswerten Rhymes von "The Living Force" Atma. "Beyond The Speed Of Mind" mag nicht das abwechslungsreichste Album sein und genau deshalb auch für jeden Hörer ein, zwei schächere Tracks bereithalten, doch wer mit dieser Art HipHop sympathisiert, der sollte hier unbedingt zugreifen.

7.4 / 10

June Marx - Core Of Vengeance


Release Date:
16. November 2010

Label:
Holographic Pagoda Recordings

Tracklist:
01. Spear Of Destiny
02. Tricks Of The Trade
03. Riflemans Creed
04. Language Artillery (Feat. Lone Ninja)
05. Brooklyn Bridge
06. Outlaws And Vagabonds
07. Southeast Asia
08. Chains Of Exile (Feat. Lord Gamma)
09. Adoni
10. Counter Culture
11. Alienation
12. Indigo Children (Feat. Lone Ninja)
13. Cardinal Sin
14. Poison Ivy
15. Before The Dawn
16. Trinity Site
17. The Animus (Feat. Lone Ninja)

Review:
Déjà vu. Halt, es ist wirklich erst ein paar Monate her, seit ich mir überlegt habe, was ich zum Debüt von June Marx zu sagen habe. Was also zu einem ein halbes Jahr später hinterhergeschossenen Zweitling sagen, wenn auf den ersten Blick rein gar nichts verändert wurde? Doch diese Aussage relativiert sich sofort, wenn man das Cover etwas näher betrachtet, auf dem die bis dato vertraute Hintergrundszenerie der Holographic-Pagoda-Releases, in erster Linie verzaunte Industrieparks, durch die Brooklyn Bridge und June's Gasmaske durch eine NY-Fitted ersetzt wurden - im Bezugssystem von HPR also bemerkenswerte Umschwünge, denen man mit einem dafür höchstgradig zu erwartenden Titel wie "Core Of Vengeance" entgegensteuert.

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17 neue Tracks werden geboten, natürlich und wie immer komplett von June Marx selbst produziert und mit einigen Auftritten aus dem direkten Umfeld (Lone Ninja, Lord Gamma) ausgeschmückt. Und so sehr man sich wünscht, die Konstante, als die sich die Musik, die bisher vom Label HPR kam, schreiben lässt, würde durch neue Variablen erweitert und bereichert, bleibt auf musikalischer Ebene (natürlich) alles beim Alten. Schlichte Sample-Konstellationen fördern reduzierten Eastcoast-Sound, der zu keinem Zeitpunkt seinen kühlen Mantel oder etwa im Tempo variiert. Genau so war es bei den gefühlten 20 letzten Alben zuvor und genau das sollte die wahrscheinlich an einer Hand abzählbare Hardcore-Fan-Gemeinde beglücken. Wer also die Ansicht vertritt, Stillstand sei für einen Künstler eine Sünde, der könnte weiterhin kaum eine verkehrtere Anlaufstelle als Holographic Pagoda wählen. Andererseits hat sich auch in der restlichen HipHop-Welt wenig bis kaum etwas geändert, weswegen der hier gebotene Sound immer noch sein Nischen-Dasein fristen und sich als dieser Tage rar geworden brüsten darf. Wieso an dieser Stelle also noch die Tastatur plagen? Der Grund sind einige durchaus erwähnenswerte Tracks, die June Marx in seinem unscheinbaren Hauch musikalischen Dunsts versteckt hält. "Indigo Children" ergeht sich lyrisch zwar (wieder) im Wälzen des Perils'schen Standardvokabulars und ignoriert seinen Titel dabei weitesgehend, wird allerdings von einem dezenten, aus dem Schatten der Lautsprecher heraus erstaunlich eingängig schallenden Kopfnicker befeuert. In dieser Form präsentiert sich übrigens die ganze LP: irgendwie unaufdringlich und damit in den richtigen, vorzugsweise sinnierenden Momenten als empfehlenswertes, atmosphärisch geschlossenes Werk. Dass Highlights wie "Before The Dawn" dabei mit einer Minute viel zu kurz kommen, ist natürlich schade, zumal sich schwächere Tracks mit wesentlich höherer Spielzeit finden ("Southeast Asia"). Des Weiteren ist zu beobachten, dass die zweite Hälfte zwar etwas ruhiger, dafür aber geradezu stark ausfällt: "Adoni" läutet mit hauchdünnen Streichern ein, "Alienation" verfolgt ein ähnliches Konzept und passt damit (wie viele Tracks der LP) bestens zu June's bekanntermaßen wenig kraftvoller Stimme. Man wird diese Musik nicht jeden Tag schätzen, doch kalte Wintertage sind fraglos dafür geschaffen. Genau deshalb passen etwas wuchtigere Konstrukte wie etwa "Chains Of Exile", wenngleich keinesfalls schlecht, nicht gänzlich ins Konzept. Dass es auf einigen Tracks sogar textliche Abwechslung (etwa einen Blick von der "Brooklyn Bridge") gibt, fällt erst beim zweiten Hören positiv auf, ändert aber letztendlich nicht viel - der Ausflug ins Frauenreich ("Poison Ivy") wirkt hier immer noch nicht zuhause. Also konzentriert man sich auf das Instrumental, das wiederum sehr gut zum Sound des hinteren Teils passt, der durch "Trinity Site" und "The Animus" noch einen vorzüglichen Abschluss erfährt.

Unterm Strich ist der Fortschritt bei dieser Scheibe sehr gering - was auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie kurz nach dem Debüt June nachlegt. Trotzdem erreicht June eine Steigerung zu "Body Of God", wenn auch keine weltbewegende. Dank einer Verdichtung der tristen Atmosphäre hat man es mit dem HPR-Release zu tun, das bisher den eindeutigsten Eastcoast-Sound lebt. Bei allem verhaltenen Lob wird ein gewisses Niveau trotzdem nicht überschritten, denn dafür traut sich Marx zu wenig. Doch gerade dank eines starken hinteren Teils ist "Core Of Vengeance" für diejenigen, die mit den bisherigen Releases des Labels etwas anfangen konnten, in der Tat interessant.

6.0 / 10

Infamous Mobb - Special Edition


Release Date:
26. März 2002

Label:
IM3 Records / Landspeed Records

Tracklist:
01. Intro
02. IM3
03. Born Again (Feat. Hostyle)
04. Killa Queens (Feat. Prodigy & Big Noyd)
05. Special Edition
06. I Rep
07. The Family (Skit) (Feat. Prodigy)
08. Mobb Niggaz (The Sequel) (Feat. Prodigy)
09. Reality Rap (Feat. Blitz, Kaos & Uno-Dos)
10. Make A Livin' (Feat. V-12 & Chinky)
11. We Don't Give A... (Feat. Havoc)
12. Back In The Days (Feat. Chinky)
13. B.I.G.-T.W.I.N.S.
14. We Strive (Feat. Ty-Maxx)
15. We Will Survive (Feat. Chinky)
16. War / Get High, Get Bent

Review:
Infamous Mobb finden ihren Weg ins Rap-Game als klassische Mitläufer: Nachdem sich in den sechs Blocks, die als Queensbridge Housing Projects bekannt sind, langsam der Rap-Trend breitmacht und einige der Jugendfreunde beginnen, aus diesem Hobby eine ernsthafte Einkommensquelle zu schaffen, lassen sich Godfather Pt. III, Ty Nitty und Twin Gambino nicht zweimal bitten: Anfangs hängt man nur zusammen ab, nachdem G.O.D. Pt. III es vorgemacht hat, rappt bald das ganze Trio selbst. Ihr Gruppenname leitet sich direkt von Mobb Deep und deren Slang ab, weswegen die direkte Assoziation mit Hav und P von Anfang an besteht. Eigene Schritte unternimmt man zuerst bei Muggs und dann mit einem Virgin-Deal, beides führt aber nicht zum verhofften Ergebnis, weswegen mit "Special Edition" das Debütalbum erst 2002 erscheint.

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Man hat sich inzwischen selbstständig gemacht und mit IM3 Records ein eigenes Label gegründet, das Vertrieb durch Landspeed erhält. Das ursprünglich vierte Mitglied, Gambino's identischer Zwilling Twin Scarface, verstarb übrigens 1996 in einem Autounfall und bekam nie die Gelegenheit, wirklich in der Gruppe mitzuwirken. Doch nicht nur das hat sich geändert, auch die Zeiten sind 2002 ganz andere. Wenn man so will, haben G.O.D., Gambino und Nitty die Glanzzeit der Queensbridge verschlafen - der Wirtskorpus namens Mobb Deep beginnt, marode Spuren zu zeigen, und Reality Rap ist bei weitem nicht mehr so gefragt wie noch fünf Jahre zuvor. Gerade deshalb muss man dem Trio eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber aktuellen Entwicklungen lobhaft anrechnen, denn entgegen Mobb Deep versuchen sich IM3 gar nicht erst an massentauglichen Sounds, sondern fahren stur das, was man als QB-Sound definieren würde. Zu ihrem großen Vorteil stehen sie damit nicht allein, sondern dürfen sich über Producer wie V.I.C., Havoc, Muggs und vor allem The Alchemist, der fast die Hälfte aller Beats arrangiert, freuen. Der Rest ergibt sich eigentlich von selbst: Von Handlangern aus der zweiten QB-Reihe hat man keine lyrischen Meisterleistungen zu erwarten und bekommt auch keine, das Trio beschränkt sich auf grundsoliden Street-Talk, trägt diesen aber mehr als überzeugend vor. Gambino sticht mit seiner Reibeisenstimme fraglos hervor, aber auch der Godfather bleibt mit einem sehr dunklen Stimmorgan im Gedächtnis hängen und überlässt dem weniger markanten Nitty die für ihn dankbare Aufgabe, einen Gegenpol zu seinen zwei Kollegen zu bilden. Dank der starken Beats, die der Alchemist in jener Zeit aus seinen Gerätschaften zaubert, ist das Outcome für alle Eastcoast-Heads schwer empfehlenswert. In "Born Again" gibt außerdem Hostyle seinen äußerst willkommenen Senf zur Hook bei, während G.O.D. die düstere Stimmung angemessen in Worte fasst: "How the fuck am I supposed to do right when this whole shit is wrong? I wonder why the fuck I was born". Etwas später nimmt sich ein arg nuschelnder Prodigy Zeit, "The Family" (Mobb Deep, Noyd und IM3) in einem recht überflüssigen Skit vorzustellen, um der Alchemist-Walze "Mobb Niggaz (The Sequel)" alle weitere Arbeit zu überlassen. Für "Reality Rap" wird dann sogar die (fast) gänzlich unbekannte QB-Knechtschaft ans Mic gelassen, und selbst wenn man sich insgeheim eher einen Auftritt von Tragedy Khadafi gewünscht hätte, gibt es selbst hieran nichts auszusetzen. Ein vom Titel an das Hostyle-Solo auf "Y2K" erinnernder Song nennt sich "B.I.G.-T.W.I.N.S." und gibt einen Einblick in das Leben von Gambino, das neben dem Straßenalltag auch ausführlichen Alkoholgenuss und Bräute vorsieht. Inhouse-Stimme Chinky wird dreimal ans Mic beordert und zeigt eine gewohnt zweischneidige Performance, im Duett mit V-12 hätte man sie aus "Make A Livin'" jedenfalls streichen können. Neben dem von surrenden Streichern regierten Opener "IM3" sind es vor allem die Piano-Loops, die dem QB-Sound zu seinen besten Momenten verhelfen: Sei es nun der Titeltrack oder die Muggs-produzierte Kampfansage "We Will Survive" (von der zweiten "Soul Assassins"-Platte und diesmal mit starkem Chinky-Auftritt), IM3 holen aus ihren simplen Beats einiges heraus. Abschließend kommt man nicht umhin, Havoc's zwei außergewöhnlich starke Beiträge hervorzuheben: "We Don't Give A..." ist ein optimales Klagelied für Twin's Reime und "War" überflügelt (erneut mit Piano-Loop) als eiskalter Kopfnicker praktisch das gesamte "Infamy"-Album, auf dass ganz nebenbei mit "Get High, Get Bent" noch ein Überkracher hinterhergefeuert wird.

Man mag nun von Alben, die eine solch eindimensionale Thematik in mannigfacher Ausführung breitwälzen, halten, was man will, in ihrem Metier haben Infamous Mobb in jedem Fall sauber abgeliefert und darüber hinaus bewiesen, dass sie mehr sind als nur willenlose Mobb-Deep-Gefolgschaft. Natürlich ist schon hier offensichtlich, dass die drei noch mehr von starken Produzenten abhängen als andere Künstler, doch mit dem aufgefahrenen Lineup wird dieses Problem behoben, bevor es entstanden ist. Alles in allem ist "Special Edition" eines der zu dieser Zeit schon sehr rar gewordenen Top-Alben aus der Queensbridge und somit für Eastcoast-Heads schwer empfehlenswert.

8.0 / 10

Virtuoso - The Final Conflict


Release Date:
26. November 2010

Label:
Big Bang Records

Tracklist:
01. Introflection
02. The Final Conflict
03. Catch Me On 2
04. Punished By The Creator (Splinterlude 1)
05. Piercing
06. Hypnotic
07. The Art Of Suffering (Splinterlude 2)
08. How To Make Fire
09. Heartbeat Stopper
10. No Fear (Feat. Akrobatik & Casual)
11. Voracity Of Statement (Splinterlude 3)
12. Wie Kings (Feat. Torch a.k.a. DJ Haitian Star)
13. Propaganda
14. The Bay Of Pigs (Feat. Vast Aire, Deltron 3030 & Pidi T)
15. Spirit World (Splinterlude 4)
16. In My Lives
17. S.O.S. (The System Is Failing)
18. Outrospection

Review:
Virtuoso war nie jemand, der groß im Vordergrund stand, obwohl er sich im neuen Jahrtausend als einer der geschätztesten Namen der Bostoner HipHop-Szene seinen Weg ins geliebte Genre bahnte. Manche mögen ihn nur von seinem Auftritt bei den Jedi Mind Tricks kennen, andere kennen und schätzen vielleicht sein eigenes, ähnlich orientiertes und keinswegs verachtenswertes Debütalbum oder den soliden Zweitling. Nach der Gründung von Big Bang Records und einer Mix-CD folgte allerdings nicht mehr viel. Virtuoso geriet geradezu in Vergessenheit. Daran ändert auch ein fragwürdiges Video als Teil der Crossover-Kombo Virtuality nichts. Doch mit Auslaufen des Jahres 2010 packt Virtuoso anscheinend der Tatendrang, denn "The Final Conflict" erscheint mit nur wenig Promo-Vorlauf und nach den endlosen Aufschiebungen nun doch recht zügig.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Als dritter Teil der "World War"-Trilogie lasten auf "The Final Conflict" einige Erwartungen, schließlich wird hiermit festgelegt, ob die Weltkriege ein konstanter Abwärtstrend sind oder ob Big Virt zum Abschluss noch ein Ausrufezeichen setzen kann. Eine erste Freudenbotschaft, wie sie schöner kaum hätte sein können, sollte alle halbwegs bewanderten Hörer zu einem Luftsprung bewegen: Zwei Drittel der Produktion kommt von Kingston und Young God, besser bekannt als Blue Sky Black Death und ganz objektiv betrachtet die beste Wahl, die Virtuoso hätte treffen können. Der Rest wird u.a. von Krohme und Sicknature aufgefüllt, weswegen gehofft werden darf. Glücklicherweise werden sämtliche Crossover-Ausflüge zuhause gelassen, "The Final Conflict" ist bezüglich der richtigen Aspekte HipHop-lastiger als die meisten Releases dieses Jahr. Virtuoso setzt da an, wo man beispielsweise die AOTP mit ihrem diesjährigen Release gerne gesehen hätte: Von BSBD lässt er sich ein düsteres, von Sample-Fetzen geziertes Intro zimmern, nur um in "The Final Conflict" die dramatischen und packend atmosphärischen Sounds, die BSBD bisher schon endlosen Respekt einbrachten, zu entfesseln. Auch Virtuoso selbst ist in der passenden Stimmung: Nicht so schwerfällig wie der (einstige) Bruder im Geiste Vinnie Paz schleppt er sich über das ihm vorgesetzte Beat-Festmahl, es sind schneidende Raps und hörbar in die Zeilen gepresste Aggressionen, die seine seit jeher bekannten Reimkünste und lyrischen Fähigkeiten einrahmen. Dabei muss natürlich bemerkt werden, dass einem die hier zumeist gebotene, aufwühlende und wilde Form der Rap-Musik zusagen sollte, denn im Gegensatz zu einem Holocaust, der sich ebenfalls bereits BSBD-Beats bediente, geht es bei Virtuoso wesentlich brachialer zur Sache. Das ist teilweise etwas schade, trifft teils aber auch direkt ins Schwarze. Da wären die "Splinterludes", deren erster Teil bereits in seiner ganz eigenen Liga spielt (alle JMT-Abkupferer sollten sich ein Beispiel daran nehmen, wie ein stimmungsaufbauendes Interlude auszusehen hat) und in das höchst edel produzierte "Piercing" überleitet, für das die Battle-Rhymes von Virtuoso sicher keine schlechte Wahl sind, das man aber auch sicher mit etwas mehr Feingefühl hätte angehen können. Frei von Fehlern ist die Scheibe auch sonst keineswegs: Es war abzusehen, dass die übrigen Produzenten unter Umständen Schwachstellen sein würden, und so verwundert es kaum, wenn etwa Krohme mit einem seiner Beiträge ("Hypnotic") etwas über die Stränge schlägt oder wenn "How To Make Fire" zwar sehr solide, aber leicht austauschbar ausfällt. Selbst Sicknature ist in "Wie Kings" nicht im Bereich seiner Bestform, der Song selbst führt aber noch ein anderes Problem auf: Ja, Torch war schon auf dem zweiten Teil, doch das ist noch lange kein Grund, den anglo-germanischen Mix in die nächste Runde zu schicken. Selbiges gilt für Casual und Akrobatik, die beide nur sehr bedingt in "No Fear" passen. Letzten Endes ist es natürlich auch verständlich, dass nicht alles, was BSBD anfassen, zu Gold wird, siehe das durchschnittliche "Heartbeat Stopper". Zum Glück darf man sich auch noch einigen schönen Momenten widmen: "Propaganda" lebt zwar nicht direkt von der Themenumsetzung, wohl aber vom kunstvollen Instrumental, während auf "Bay Of Pigs" ein weiteres BSBD-Juwel von der Dreierkombo Virt-Vast-Del perfekt (und trotz gewöhnungsbedürftigem Chorus) in Szene gesetzt wird. Nach dem ebenfalls gelungenen "In My Lives" offenbart sich nochmals in anschaulicher Weise das Problem der LP: Der rote Faden hätte mit "Outrosepction" ein traumhaftes Ende gefunden, davor jedoch verhindert das total versemmelte "S.O.S." leider das Gefühl von Geschlossenheit.

Wer Virtuoso's Platte hört, der sollte sich in erster Linie freuen. Nicht weil die Scheibe außergewöhnlich gut ist, sondern schlichtweg weil sie es schafft, der grauen Masse qualitativ uniform geglätteter Standardalben zu entfliehen. An einigen Stellen greift Virtuoso zwar daneben, einige Songs bieten dafür großes Kino. Dabei ist es natürlich schade, dass das vorhandene Potential bei weitem nicht ausgeschöpft wurde: Wenn auf ein fürstliches Interlude ein platter Song folgt, hat es der Albumfluss schwer. Da zur Komplettproduktion von BSBD nicht mehr viel fehlt, stellt sich die Frage, warum dies nicht verwirklicht wurde. Doch es ist wie es ist, und selbst wenn die "World War"-Trilogie somit nicht mit einem Paukenschlag endet, darf man doch mit den starken Momenten, die "The Final Conflict" zu bieten hat, halbwegs zufrieden sein.

6.3 / 10

Many Styles - Many Styles


Release Date:
2004

Label:
Eigenvertrieb

Tracklist:
01. Tell All The World
02. Taking Up Space
03. Director's Cut
04. Wright About Now
05. To Whom It May Concern
06. Paradox Is There
07. Water
08. Median
09. Charge
10. It Never Ends
11. They Don't Know
12. Love, Life and Music
13. Phobia
14. Taking Up Space (Remix)
15. Taste Of Love

Review:
Many Styles beschreitet einen Weg, den man von vielen Emcees kennt: Er arbeitet sich als Battle-Rapper in New York hoch. Der Anfang seiner Karriere ist in den ausgehenden Neunzigern auszumachen, danach erkämpft er sich schnell einen Namen (er ist beispielsweise Gegner bei Jin's erstem Battle in New York). Doch es hält ihn nicht lange ausschließlich beim Batteln, die Transformation zum vollwertigen Emcee vollzieht sich kurze Zeit später und man hört erstmals von ihm in J23-Kreisen. Zu dieser Zeit sammelt Many schon Material für ein Debüt-Album, für das sich zwar einige Labels interessieren, das er dann aber doch vollkommen selbstständig veröffentlicht.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Es ist wahrscheinlich gerade dieser Labellosigkeit geschuldet, dass das selbstbetitelte "Many Styles" dieser Tage so in der Versenkung verschwunden ist. Für seine Beats konnte Many nämlich Namen wie Tonedeff, Blockhead, Fred Ones und die 2 Hungry Bros gewinnen, was - wenn nicht in Mainstream-Kreisen - dann doch für Underground-Fans mehr als nur interessant sein sollte. Und das ist nicht alles, schließlich trägt Many Styles seinen Namen aufgrund seiner ausgefallenen Rap-Performance, aufgrund außergewöhnlicher Flows, die zudem mit Raps versehen werden, die geistreicher als seine frühen Battle-Eskapaden sind. Um es zusammenzufassen: Auf diesem Album lädt Many Styles zu einer Tour durch seine Gedankenwelt ein, auf der Sarkasmus der Reiseleiter ist. Man wird auf zahlreiche Spiele mit der englischen Sprache treffen, die Many zumeist mit seinem so wandelbaren Flow verknüpft, der mal wenige Wörter stark betont hervorschießt und sich kurz darauf zu einem reißend schnellen Wortfluss ausweitet. Einer der bezeichnendsten Songs der LP ist "Taking Up Space", ein dezenter Hinweis auf die Sinnlosigkeit so vieler Emcee-Existenzen ("Fuck a topic, fuck a concept, fuck a point / I wanna brag about myself like everybody else"). Die Produktionsebene hält genau das, was die Namen versprechen: Sample-lastige Beats, die sich nicht sofort öffnen, dafür nach mehrmaligem Hören aber umso sättigender sind. Eines der schwächeren Stücke ist da noch "Director's Cut", in dem Many dafür wieder herrlich gegen die von Durchfall verstopfte Szene wettert:

"I would like to take this time to thank the fake fucks
And dumb bitches with fake boobs, getting paid to strut
Move! Come on people, do what you gotta to get in the mood
Get naked and hotter, the more naked the hotter, the quicker the better
We gotta get it going instead of procrastinating you
The cast is taking too long, the staff's complaining, they getting sick of the song
And I don't blame 'em, if I was them I would be sick of it too
The only difference is, I think I'm starting to get sick of you
And I'm beginning to wonder what it is I'm listening to
"

In "Paradox Is There" (schon 2002 erschienen) untermalt Fred Ones die Raps des sich als Einmannarmee durch die Tracks reimenden Many Styles ("Man fears what he can't understand, understands very little / Leaving him with a lot to fear") mit bedachtem Streichereinsatz, "Phobia" dagegen kommt mit sehr wenigen musikalsichen Mitteln aus. Das instrumentale Highlights dagegen findet sich in "Median", für das God's Child mit langsamem und tiefem Hörnerschall einsteigt, um selbige Hörner im Verlauf des Songs immer wieder gefährlich aufbrausen zu lassen. Many Styles findet sich in einer Halb- bzw. Zwischenwelt wieder, was schöne Ausführungen über paranormale Erfahrungen verheißt. Direkt im Anschluss wird in "Charge" wieder die morbide Szene über schwerkalibriges Instrumental zerschossen. Unter den 15 Tracks finden sich leider auch einige mittelmäßige, so das von Claps beherrschte "They Don't Know" oder die Standard-Piano-Show in "To Whom It May Concern". Entschädigt wird das wiederum durch echte lyrische Juwelen: "Water" geht auf einen ungewöhnlichen Tauchgang und "Love, Life And Music" ist als einzige großarige Metapher aufzufassen, in der sich Many mit seinen Audio-Romanzen von den One-Night-Stands abgrenzt, welche die Songs gewisser anderer Künstler sind ("This album is a product of love, not of immature lust / If that's what you're looking for, don't pick it up"). Zur Veredelung des Tracks steht Blockhead mit einem eindringlichen, mit hypnotisierend murmelndem Voice-Sample versehenen Instrumental bereit.

Man kennt das: Gefeierte Battle-Rapper nehmen ein Album auf und versagen an den anderen Herausforderungen, die sich damit stellen. Bei Many Styles ist das absolut nicht der Fall. Wer diese LP hört, dem fiele nicht ein, dass Many Styles zuvor Battle-Rapper war. Dabei profitiert er natürlich wesentlich von den Produzenten, die ihm in seinem Umfeld zur Verfügung stehen. Denn poduziert ist die LP meist hervorragend, und wenngleich sich ein oder zwei weniger prickelnde Songs ins Aufgebot gemischt haben, so ist "Many Styles" doch ein beinahe sehr gutes Album, das sich von der breiten Masse in positiver Weise distanziert und genau deshalb mehr Aufmerksamkeit verdient.

7.2 / 10

Wisemen - Wisemen Approaching


Release Date:
27. Februar 2007

Label:
Babygrande Records

Tracklist:
01. Introducing (No Matter How)
02. New Year Banga
03. Illness
04. Associated (Feat. GZA)
05. Mixture Of Muhammad
06. Iconoclasts (Feat. Killah Priest & Vast Aire)
07. Founder Of Pain
08. Blinded
09. Up There Beyond
10. Verbal Joust
11. Words From Prodigal Sunn...
12. Goblins (Tablets) (Feat. Planet Asia & Prodigal Sunn)
13. Welcome Home (Feat. Altaire & Gooch)
14. Honor's Promise
15. Wisemen Approaching

Review:
Spätestens 2006 und mit der Veröffentlichung seines Debüts "The Great Migration" kämpfte sich das Wu-Element Bronze Nazareth seinen Weg ins Bewusstsein von nicht nur Wu-Fans, sondern auch darüber hinaus, erarbeitete sich einen Ruf als frischer Wind im stagnierenden Wu-Universum. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Emcee und Producer aus Detroit bereits größere Pläne: Wie einst der Clan wollte er schnell expandieren. Fester Teil dieser Pläne war Bruder Kevlaar 7, mit dem er bereits 2002 als The Unknown ein Projekt veröffentlichte. Doch es erwächst das Konzept von sieben Wisemen, das allen Beteiligten als Fundament dienen soll. Aufgrund unglücklicher Umstände schrumpft das aktive Lineup bald auf vier Künstler, nämlich neben den beiden Brüdern noch Phillie und Salute, die Bronze beide in den Straßen Detroits kennenlernt. Ihre ersten Sporen gedenken die vier mit ihrem Debüt "Wisemen Approaching" zu verdienen.

WRITTEN FOR Rap4Fame
 
Die erste und zweifelsohne wichtigste Frage, die sich wieder einmal stellt, wenn ein frisch in halbwegs bekannte Sphären aufgestiegener Künstler seine Crew anschleppt, ist die nach der Notwendigkeit. Haben die Wisemen wirklich ihre Daseinsberechtigung oder versucht einmal mehr jemand, seinen Kumpels zu einem Teil des Kuchens zu verhelfen. Kevlaar 7 sticht als der zweitaktivste hervor, schließlich ging seine musikalische Entwicklung Hand in Hand mit der seines Bruders, was keine große Kritik an der Tatsache, dass sich die Instrumentals der beiden sehr ähneln, zulässt - vor allem nicht, wenn man die Qualität von Bronze's Arbeit bedenkt. Am Mic zeichnet Kev eine weitaus höhere Stimme aus, die ihn in weniger markante Sphären schickt. Dort trifft man auch Salute, der sich als guter Emcee vorstellt, dem lediglich etwas fehlt, um sich vom großen Rest abzuheben. Dieses Problem ließe sich jedoch durch eine starke Performance der Gruppe gut kaschieren, zumal Phillie mit seinem langsamen Flow, seiner ruhigen, verhaltenen Art und der rauen Stimme dem Namen "Wisemen" alle Ehre macht. Am Mic sind diese vier also alles andere als Revolutionäre, jedoch ist jeder versiert genug, um nicht als Schwachstelle aufzufallen, während man immer wieder die eine oder andere behaltenswerte Zeile zu hören bekommt. Die Produktionsarbeit wird stark zu Bronze's Gunsten zwischen den beiden Brüdern aufgeteilt, klingt aber durchgehend wie aus einem Guss. Um diesen Guss zu beschreiben, dient als Referenz natürlich in erster Linie "The Great Migration", wobei der eine oder andere Unterschied klar heraussticht. "Wisemen Approaching" verweilt großteils in smootheren, ruhigeren Gefilden, wälzt die Soul-Komponente im Detroit-Sound zu voller Breite aus. Und das macht die LP keinesfalls schlecht, denn es regiert das Bronze'sche Feingefühl beim Zusammenflechten von Streichern, Bläsern, warmen Drumlines und Voice-Samples, die in vielen Tracks eine Schlüsselstellung einnehmen. Bereits in "No Matter How" ist das der Fall, wodurch, begleitet von einem Klavierloop, eine beschauliche Atmosphäre geschaffen wird, die für die besten Momente der LP immer wieder zutage tritt. Doch auch beim Rest der Tracks ist die Motivation deutlich zu spüren: "Associated" zieht als einziges Stück das Tempo an (weswegen man GZA besser auf einem anderen Song platziert hätte) und "Iconoclasts" bleibt dank Bläser-Sample und starken Gästen im Gedächtnis. Trotzdem beheimatet die erste Hälfte die schwächeren Momente, da die aufeinanderfolgenden Songs noch recht unfokussiert wirken und mit Stücken wie "Illness" oder "New Year Banga" auch mittelmäßiges Material mit von der Partie ist. In ihre stärkste und gleichermaßen gefühlvollste Phase taucht die LP mit dem viel zu kurzen "Founder Of Pain" ein, dem nach dem Ladies-Track "Blinded" ein mit melancholischem Sample bestücktes und lyrisch starkes "Up There Beyond" folgt, um dann Platz für das selten wehmütige "Verbal Joust" zu machen, in dem Bronze wieder einmal seine große Klasse bei der Verarbeitung von Samples zeigt und darüber hinaus auch noch am Mic stark auftrumpft: "When the thrill is gone, your pillage torn, seeing my glow / I'm so patient, I can watch a tree die and regrow". Auch im Schlussteil kann mit "Welcome Home" und "Honor's Promise", das gekonnt die bei Pitch-Voice oft gerammten Kitsch-Klippen umschifft, nochmal fein aufgespielt werden.

Die Wisemen sind keine unbedingte Notwendigkeit, auf die die Rap-Welt sehnsüchtig gewartet hat, ebensowenig sind sie allerdings eins von so vielen talentfreien Rockzipfelanhängseln. Da ist es kaum verwunderlich, dass hiesiges Gruppenalbum keine Erleuchtung, aber in jedem Fall ein gutes Werk ist, das von den starken Produktionen der Brüder Naz und K7 profitiert und mit Raps eines Quartetts, das untereinander funktioniert und nach außen hin einen harmonischen, fähigen Eindruck macht, versehen wurde. Ob die Wisemen je über dieses Qualitätsstadium hinauskommen, muss die Zukunft zeigen, "Wisemen Approaching" jedenfalls erreicht die Klasse von beispielsweise "The Great Migration" nicht, darf aber trotzdem empfohlen werden.

7.0 / 10

Ghostface Killah - Apollo Kids


Release Date:
21. Dezember 2010

Label:
Def Jam Recordings

Tracklist:
01. Purified Thoughts (Feat. Killah Priest & GZA)
02. Superstar (Feat. Busta Rhymes)
03. Black Tequila (Feat. Cappadonna & Trife)
04. Drama (Feat. Joell Ortiz & The Game)
05. 2getha Baby
06. Starkology
07. In Tha Park (Feat. Black Thought)
08. How You Like Me Baby
09. Handcuffin' Them Hoes (Feat. Jim Jones)
10. Street Bullies (Feat. Sheek Louch, Shawn Wigs & Sun God)
11. Ghetto (Feat. Raekwon, Cappadonna & U-God)
12. Troublemakers (Feat. Raekwon, Method Man & Redman)

Review:
Auch ein Ghostface Killah bleibt auf Achse, veröffentlicht ständig weiter neue Alben - inzwischen das neunte - und schickt sich an, nach dem letztjährigen, überwiegend mit Missfallen aufgenommenen Ausflug in die R&B-Welt seinen Ruf als beständigstes Mitglied des Wu-Tang-Clan wiederherzustellen. Dass er dabei weiterhin in den ungeliebten Gewässern von Def Jam dümpelt, dürfte die wenigsten glücklich stimmen, abgehalten hat es Ghost bisher aber noch nicht davon, trotzdem gute Musik zu machen. Unter suboptimalen Rahmenbedingungen und mit einem zusätzliche Antipathien mobilisierenden Cover schickt sich Dennis Coles also an, mit "Apollo Kids" die Kritiker ein weiteres Mal zum Schweigen zu bringen.

WRITTEN FOR Rap4Fame
Letztere haben allen Grund zum Nörgeln: Wieder einmal sucht man RZA vergebens, kein einziges Wu-Element wurde für die Produktion, für die stattdessen neben Altmeister Pete Rock und dem gehypten Jake One ein bunter Haufen Halbbekannter eingespannt wurde, zu Rate gezogen. Nur zwölf Tracks, einige fragwürdige Gäste und - man muss es noch ein zweites Mal betonen - ein unansehnliches Cover, auf dem das gängige Kürzel "GFK" um sein "F" betrogen wurde. Wie wenig Tony Starks das alles zu kümmern scheint, gibt uns die Musik preis, die gar nicht aussagekräftiger anfangen könnte: Frank Dukes ist zu danken für die geschickte Wahl des Them-Two-Samples, das die Sympathien der Wu-Heads im Alleingang sichert. Das Gipfeltreffen Ghost-KP-GZA hätte damit kaum auf besserem Boden stattfinden können, was dazu führt, dass Ghost zwar in bester Manier einen satten Opening-Verse auf Parkett legt, von einem bärenstarken Priest (gegen den selbst GZA den Kürzeren zieht) aber glatt noch die Show gestohlen bekommt. Nach diesem Traumeinstieg findet man sich schnell in der vertrauten Umgebung eines Ghostface-Albums wieder: Zweimal erscheint ein "Baby" in einem Tracktitel, Soul-Samples präsentieren sich in voller Montur, kitschig wird es trotzdem nicht - GFK's Händchen für Beats spannt den Bogen zwischen Wu-Tang'scher Street-Nähe und seinem persönlichen Charakter, bei dem die Einbindung des weiblichen Geschlechts nicht wegzudenken wäre. Einer der bestgelauntesten Momente der LP lebt von der Abwesenheit eines ursprünglich eingeplanten Gastes, namentlich Fabolous in Pete Rock's relaxtem "How You Like Me Baby", während Sean C & LV mit einem zum Einschlafen langweiligen Beitrag in "Drama" weder Ghost's Storytelling noch Joell's ambitionierte Vorstellung angebracht untermalen können - lediglich mit dem nuschelnden Game liegen sie auf einer Wellenlänge. Doch der Track bleibt eher die Ausnahme - so richtig in die Scheiße gegriffen wird nur einmal, nämlich in "Handcuffin' Them Hoes" (wer hätte es bei diesem Titel gedacht), bei dem alle Beteiligten - Tony, Jimmes und Produzent Chino Maurice - Schuld am seichten, nervigen Ergebnis trifft. Besser macht es "2getha Baby", das ebenfalls mit einem grenzwertig seichtem Voice-Sample beginnt, dann aber die Kurve kriegt und sich als bläsergetriebener Kopfnicker entpuppt. Aus der (trotzdem stattlichen) Kollabo mit Black Thought hätte man mehr machen können: Maue Hook und ein totgehörtes Konzept wissen das jedoch zu verhindern. Ein weiterer Gefahrenfaktor ist Busta Rhymes, der sich dem bis in den letzten Klang vom Ghost-Charme durchsetzen "Superstar" allerdings einfügt, ohne groß aufzufallen. Die Wu-Cuts "Black Tequila" und "Ghetto" dürfen sich bei ihren starken Beats bedanken, während selbst gestandene U-God-Hater dessen gelungenen Auftritt nicht gänzlich verteufeln können. "Street Bullies" birgt Sample-mäßig nichts Neues, das abschließende "Troublemakers" fällt trotz aufgewecktem MC-Quartett nicht mehr übermäßg auf.

Mit seinem jüngsten Album hat Ghostface nicht alles, aber vieles richtig gemacht. Wer nach "Wu-Massacre" Angst vor diesem Def-Jam-Release hatte, dem sei versichert, dass GFK nach wie vor seiner Linie treu bleibt, eingeschlossen Aussetzer wie "Handcuffin' Them Hoes" (man erinnere sich an die Ne-Yo-Kollabo), und dass dabei wieder einige dicke Tracks abfallen. Als nie Zufriedener denkt man natürlich weiterhin daran, wie ein Album mit den Wu-Elements klänge, was man und wie sehr man Dinge hätte besser machen können. "Apollo Kids" ist ein kurzes, aber ordentliches Mosaik in Ghost's Diskografie, das als "knapp gut" etikettiert werden darf.

6.7 / 10